Sergej Glazjew – Putins Berater und Wirtschaftsminister – erläutert die Perspektiven der russischen Eurasienpolitk

Bearbeitetes Transkript der deutschen Untertitel des Videos

Interview vom 24. Juli 2014

“Die Welt bewegt sich heute durch eine ganze Reihe einander überlagernder zyklischer Krisen. Die ernsteste davon ist eine technologische Krise, die mit Veränderungen in der Wellenlänge der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden ist.

Das ist eine Periode, in der die Wirtschaft ihre Struktur ändert. Jene wirtschaftliche Struktur, welche die letzten 30 Jahre lang das Wirtschaftswachstum angetrieben hat, ist erschöpft.

Wir brauchen einen Übergang in ein neues technologisches System. Diese Art des Wandels ist, unglücklicherweise, immer durch einen Krieg erfolgt. So war es in den 1930er Jahren, als die Weltwirtschaftskrise in einen Rüstungswettlauf überging und dann in den zweiten Weltkrieg.

So war es während des kalten Kriegs, als ein Rüstungswettlauf im Weltraum komplexe Informations- und Kommunikationstechnologien aufgebracht hat, die zur Grundlage einer technologischen Struktur wurden, welche die Weltwirtschaft in den letzten 30 Jahren angetrieben hat.

Heute stehen wir vor einer solchen Krise. Die Welt bewegt sich in ein neues technologisches System. Dieses neue System ist humanitärer Natur und könnte also Krieg vermeiden, da die Hauptträger des Wachstums auf dieser Welle humanitäre Technologien sind.

Das schließt Gesundheitsdienste und pharmazeutische Industrie mit ein, die auf Bio-Technologien beruhen. Sie schließen auch Kommunikationstechnologien mit ein, die auf Nanotechnologie beruhen und gerade vor dem Durchbruch stehen.Und sie schließen Wissenstechniken mit ein, die eine neue Summe menschlichen Wissens definieren.

Wenn wir im Stande wären, ein wechselseitiges Entwicklungsprogramm aufzulegen, wie es Präsident Putin ständig vorgeschlagen hat, eine allgemeine Entwicklungszone mit Handelserleichterungen von Lissabon bis Wladiwostok, wenn wir mit Brüssel übereinkommen könnten, einen gemeinsamen Wirtschaftsraum, eine gemeinsame Entwicklungszone zu schaffen, könnten wir genug Projekte finden, die Durchbrüche erzielen könnten – von der Gesundheit bis hin zur Abwehr von Bedrohungen aus dem Weltall – um unser wissenschaftliches und technisches Potential zu verwirklichen und eine beständige Nachfrage durch den Staat zu schaffen, der dem neuen technologischen System den nötigen Schub geben würde.

Wie auch immer, die Amerikaner bleiben auf dem üblichen Pfad. Um ihre Führung in der Welt zu halten, entfachen sie einen weiteren Krieg in Europa. Ein Krieg in Europa ist immer gut für die Amerikaner. Sie nennen sogar den zweiten Weltkrieg, der in Europa und Russland 50 Millionen

Menschenleben forderte, einen guten Krieg.

Er war gut für Amerika, weil die USA aus diesem Krieg als Weltführungsmacht hervorgingen. Der kalte Krieg, der mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete, war für sie genauso gut. Jetzt wollen die USA erneut ihre Führung auf Kosten Europas halten.

Das wird durch den schnellen Aufstieg Chinas bedroht.

Die Welt bewegt sich heute in noch einem anderen Zyklus, diesmal einem politischen. Dieser Zyklus dauert Jahrhunderte und ist mit Veränderungen in den globalen Institutionen verbunden, die die Wirtschaft regeln.

Wir bewegen uns von einem amerikanischen Zyklus der Kapitalakkumulation in einen asiatischen. Das ist eine weitere Krise, die die amerikanische Hegemonie bedroht.

Um seine führende Position angesichts des Wettbewerbs mit dem aufsteigenden China und anderen asiatischen Ländern zu halten, fangen die Amerikaner einen Krieg in Europa an. Sie wollen Europa schwächen, Russland in Stücke brechen und den gesamten eurasischen Kontinent unterwerfen.

Das heißt, an die Stelle der Entwicklungszone von Lissabon bis Wladiwostok, die Präsident Putin vorschlägt, wollen die USA einen chaotischen Krieg setzen, ganz Europa vom Krieg verschlingen lassen.

Sie halten das für den einzigen Weg, ihre Hegemonie in der Welt zu halten und China zu schlagen. Unglücklicherweise scheint die amerikanische Geopolitik, die wir auf unseren Bildschirmen sehen, direkt aus dem 19ten Jahrhundert zu stammen. Sie denken in den Begriffen der geopolitischen Kämpfe des britischen Empire: Teile und herrsche! Bringe die Nationen gegeneinander in Stellung, verwickle sie in Konflikte und beginne einen Weltkrieg! Die Amerikaner setzten unglücklicherweise diese alte britische Politik fort, um ihre Probleme zu lösen.

Russland wurde zum Opfer dieser Politik erkoren, während das ukrainische Volk die Waffe der Wahl und das Kanonenfutter für den neuen Weltkrieg darstellt.

Zuerst haben die Amerikaner die Ukraine lange Zeit ins Visier genommen, um sie von Russland zu trennen. Diese Taktik stammt aus den Zeiten Bismarcks. Diese europäische, anti-russische Tradition hatte das Ziel, die Ukraine von Russland zu trennen und sie in Konflikte zu stürzen, um so die Kontrolle über den ganzen eurasischen Raum zu erreichen.

Diese Idee wurde zuerst von Bismarck formuliert, dann von den Briten aufgegriffen, und zuletzt, durch den wichtigsten amerikanischen Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski, der bei vielen Gelegenheiten sagte, Russland könne ohne die Ukraine keine Supermacht sein, und dass es Amerika und dem Westen nütze, beide gegeneinander in Stellung zu bringen.

Während all den vergangenen 20 Jahre haben die Amerikaner den ukrainischen Nazismus gezüchtet, der gegen Russland zielt. Wie Sie wissen, haben die USA die Überreste der Bandera-Truppen nach dem zweiten Weltkrieg aufgenommen. Zehntausende ukrainischer Nazis wurden nach Amerika gebracht, dort gut gehegt und gepflegt, die ganze Nachkriegszeit hindurch. Diese Welle von Einwanderern flutete über die Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Also, indem sie ständig auf die Ukraine zielen, wollen sie diese von Russland entfernen. Das ist ihr Hauptziel. Die Idee einer östlichen Partnerschaft war ein Köder. Diese wurde zuerst von den Polen ins Spiel gebracht und dann von den Amerikanern aufgegriffen.

Kernpunkt der östlichen Partnerschaft, deren erstes Opfer Georgien wurde, nun auch die Ukraine und bald auch Moldawien, ist die Trennung der Verbindung mit Russland.

Wie Sie wissen, bauen wir an der Zollunion und einem gemeinsamen Wirtschaftsraum mit Weißrussland und Kasachstan, dem sich Kirgistan und Armenien bald anschließen werden. Die Ukraine ist unser langjähriger Partner. Die Ukraine befindet sich immer noch im Ratifikationsverfahren dieser Vereinbarung mit Russland, die bisher niemand in der Ukraine abgesagt hat.Die Ukraine ist wichtig für uns, als Teil unseres Wirtschaftsraums und wegen unserer jahrhundertelangen Verbindungen und Zusammenarbeit. Unser wissenschaftlicher und industrieller Komplex ist als ein Ganzes entstanden; daher ist die Teilnahme der Ukraine an der eurasischen Integration ganz natürlich und bedeutend.

Die östliche Partnerschaft wurde erfunden, um die Ukraine von der Teilnahme am eurasischen Integrationsprojekt abzuhalten. Die östliche Partnerschaft bedeutet, eine Assoziierung mit der europäischen Union zu schaffen.

Was ist das für eine Assoziation, die Poroschenko mit den Führern Europas unterzeichnet hat? Es ist die Umwandlung der Ukraine in eine Kolonie. Mit der Unterzeichnung dieser Assoziation verliert die Ukraine ihre Souveränität. Sie übergibt die Kontrolle über die Regulierung ihres Handels, ihrer Zölle, ihrer Technologien, ihrer Finanzen und ihrer Daseinsvorsorge an Brüssel.

Die Ukraine hört wirtschaftlich und politisch auf, ein unabhängiger Staat zu sein. In diesem Assoziationsabkommen wird klar gesagt, dass die Ukraine Juniorpartner der europäischen Union ist.Die Ukraine muss der gemeinsamen Verteidigungs- und Außenpolitik der EU folgen. Die Ukraine ist verpflichtet, an der Lösung regionaler Konflikte unter der Führung der EU teilzunehmen.

So macht Poroschenko aus der Ukraine eine Kolonie der EU und zieht die Ukraine in einen Krieg mit Russland, als Kanonenfutter, mit der Absicht, einen Krieg in Europa zu entzünden.

Das Ziel des Assoziierungsabkommens ist, den europäischen Ländern zu erlauben, die Ukraine bei der Befriedung regionaler Konflikte zu kontrollieren. Was im Donbass stattfindet, ist ein regionaler bewaffneter Konflikt. Das Ziel der Amerikaner ist es, so viele Opfer wie möglich zu schaffen. Die ukrainische Nazijunta ist ein Instrument dieser Politik. Sie begehen hirnlose Untaten und Verbrechen, bombardieren Städte, töten Zivilisten, Frauen und Kinder und zwingen sie, ihr Heim zu verlassen, nur um Russland zu provozieren und ganz Europa in einen Krieg zu ziehen. Das ist Poroschenkos Mission. Das ist, warum Poroschenko jede Friedensverhandlung verweigert und alle Friedensverträge blockiert. Er deutet jede Aussage Washingtons über Deeskalation des Konflikts als Befehl, ihn anzuheizen.

Alle Friedensgespräche, die auf internationaler Ebene stattgefunden haben, brachten eine neue Welle der Gewalt. Wir müssen verstehen, dass wir es mit einem Nazi-Staat zu tun haben, der eisern zum Krieg gegen Russland entschlossen ist und die allgemeine Mobilmachung erklärt hat.

Die gesamte männliche Bevölkerung zwischen 18 und 55 wird unter Waffen genommen. Jene, die nicht gehorchen wollen, kommen 15 Jahre ins Gefängnis. Diese kriminelle Nazi-Herrschaft macht die ganze ukrainische Bevölkerung zu Verbrechern.

Wir haben ausgerechnet, dass die EU etwa eine Billion Euro durch die Sanktionen verliert, die ihnen durch die Amerikaner auferlegt wurden. Das ist ein ungeheurer Betrag. Die Europäer spüren schon die Verluste. Es gibt schon einen Rückgang der Warenverkäufe nach Russland. Deutschland verliert etwa 200 Milliarden Euro.

Unsere erbittertsten Freunde aus den baltischen Staaten erleiden die höchsten Verluste. Der Schaden für Estland wird sein gesamtes BIP überschreiten. Der Schaden für Lettland wird die Hälfte seines BIP sein. Aber das hält sie nicht ab. Die europäischen Politiker folgen den Amerikanern, ohne sich zu fragen, was sie tun. Sie schaden sich selbst, indem sie Nazismus und Krieg provozieren.

Ich habe schon gesagt, dass Russland und die Ukraine die Opfer dieses Krieges sind, der von den Amerikanern angefacht wird. Aber auch Europa ist ein Opfer, weil dieser Krieg gegen die europäische Wohlfahrt gerichtet ist und Europa destabilisieren soll. Die Amerikaner erwarten, dass der Abfluss europäischen Kapitals und europäischer Intelligenz weitergeht. Darum setzen sie ganz Europa in Brand. Es ist merkwürdig, dass die Führer Europas dabei mitmachen.

Reden wir über Druck seitens der NATO und des alten Europa. Die USA setzen die NATO-Länder sehr unter Druck. Die Französische Bank leidet darunter. Hofft Russland darauf, dass Westeuropa dem Druck widersteht und im Stande ist, eine unabhängige Politik zu entwickeln? Wir sollten nicht nur darauf hoffen; wir müssen mit europäischen Führern einer neuen Generation arbeiten, die frei sind vom amerikanischen Diktat. Tatsache ist, dass in den Jahren des kalten Krieges in Europa eine antisowjetische politische Elite geformt wurde. Die wurde dann sehr schnell anti-russisch. Trotz der dramatisch ausgeweiteten Wirtschaftsverbindungen und ungeheuren gemeinsamen Wirtschaftsinteressen zwischen Europa und Russland beruht diese Russophobie immer noch auf der Feindschaft mit der Sowjetunion und ist noch immer in den Köpfen vieler europäischer Politiker.

Es müsste eine neue Generation pragmatischer europäischer Politiker an die Macht kommen, die ihre eigenen nationalen Interessen verstehen. Heute sehen wir in Europa Politiker, die gegen ihre nationalen Interessen handeln. Grund dafür ist vor allem, dass Deutschland – Maschine des europäischen Wachstums – noch immer ein besetztes Land ist. In Deutschland stehen immer noch amerikanische Truppen, und jeder deutsche Kanzler leistet einen Treueeid, den Vorgaben der amerikanischen Politik zu folgen. Diese Generation europäischer Politiker hat darin versagt, das Joch der amerikanischen Besatzung abzuwerfen.

Obwohl es die Sowjetunion nicht mehr gibt, folgen sie Washington wie besessen bei der Erweiterung der NATO und dabei, neue Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen – obwohl sie schon ‚allergisch‘ sind gegen die neuen osteuropäischen Mitglieder der EU.

Die europäische Union platzt bereits aus den Nähten, aber das hält sie nicht davon ab, ihre aggressive Erweiterung in das post-sowjetische Gebiet weiter fortzusetzen. Die neue Generation wird, hoffentlich, pragmatischer sein.

Die letzten Wahlen zum EU-Parlament haben gezeigt, dass sich nicht alle Bürger Europas von dieser falschen pro-amerikanischen, anti-russischen Propaganda und dem ununterbrochenen Strom von Lügen irreführen lassen, der sich ständig über die Köpfe der unglücklichen Europäer ergiesst. Die traditionellen europäischen Parteien haben bei den jüngsten Wahlen zum EU-Parlament verloren. Je öfter und je eindringlicher wir die Wahrheit sagen, desto stärker wird die Reaktion sein. Denn was in der Ukraine geschieht, ist die Wiederbelebung des Nazismus. Europa kann durch die Lektionen des zweiten Weltkriegs die Zeichen dieser Wiederbelebung des Nazismus erkennen.

Wir müssen diese historische Erinnerung wieder erwecken, damit sie die ukrainischen Nazis sehen, die jetzt in Kiew an der Macht sind, die Anhänger (Stepan) Banderas, (Roman) Schuchewytschs (Pseudonym Taras Tschuprynka) und anderer Nazi-Kollaborateure. Die Ideologie der gegenwärtigen ukrainischen Machthaber wurzelt in der Ideologie der Komplizen Hitlers, welche die Juden bei Babyn Jar (nahe Kiew) erschossen, in Katyn Ukrainer und Weißrussen verbrannten und alle ohne ethnische Unterschiede vernichteten. Dieser Nazismus erhebt sich heute.

Die Europäer müssen in dieser schrecklichen Konfrontation ihren eigenen Tod erkennen. Ich hoffe, dass wir, wenn wir beharrlich die Wahrheit sagen und sie jedem bringen, der sie wissen will, es schaffen, den in Europa drohenden Krieg aufzuhalten.

Vor allem müssen wir diese äußeren Abhängigkeiten beenden. Unglücklicherweise hängt das russische Finanzsystem heute sehr von ausländischem Kapital ab. Nicht tatsächlich, aber formell ausländischem. Wir haben uns, mit unserer offenen Wirtschaft, anfänglich auf ausländische Investitionen verlassen. Es endete damit, dass unsere eigenen Investoren ins Ausland gingen. Jedes Jahr verlieren wir praktisch 100 Milliarden Dollar, unversteuert, an die Offshore-Zonen. Nur einen kleinen Teil dieses Geldes, das unter dem Mantel der ausländischen Investition Russland verlässt, erhalten wir zurück.

Wir müssen unser eigenes, unabhängiges Finanz- und Geldsystem schaffen, das es uns erlaubt, uns auf die eigene Stärke zu verlassen und der Wirtschaft so viele Ressourcen zur Verfügung zu stellen, wie es zum Wachstum braucht.

Wir müssen dem Abfluss von Kapital beenden und die Kontrolle über Banken und Währung verstärken, um dieses verrückte off-shoring unserer Wirtschaft zu beenden.

Wir müssen unsere Möglichkeiten zur strategischen Planung und für langfristige Programme zurückgewinnen und – das ist das Wichtigste – ein neues technologisches System aufbauen. Dazu bedarf es besonderer Maßnahmen, um Innovationen und Investitionen in die neue wirtschaftliche Struktur anzuregen.

Das Wichtigste ist, einen finanziellen Mechanismus zu schaffen, der wirtschaftliches Wachstum anregt, wovon ich vorhin gesprochen habe.

Wenn wir unsere eigenen inneren Ressourcen nutzen, können wir selbst langfristige, günstige Kredite anbieten, die unsere Geschäftsleute heute im Ausland suchen und für die sie ihre Besitztümer verpfänden.

Die ausländischen Banken ändern dann die Kreditbedingungen, die uns bei jeder Wendung zur Krise mit der Beschlagnahme russischen Besitzes durch ausländische Kreditgeber drohen.

Um das zu vermeiden, müssen wir unsere unabhängige monetäre und volkswirtschaftliche Politik entwickeln.“

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